Die Geschichte des Burgenlandes mit Fokus auf Volksgruppen

Ein Blog von Matteo Gal

Einleitung

Das Burgenland ist aufgrund seiner geografischen Lage und seiner bewegten Geschichte eines der kulturell vielfältigsten Bundesländer Österreichs. Seit Jahrhunderten leben hier unterschiedliche ethnische Gruppen zusammen – insbesondere die burgenländischen Kroaten, die ungarische Volksgruppe sowie die Roma und Sinti. Diese Volksgruppen haben jeweils eigene Traditionen, Sprachen und kulturelle Identitäten entwickelt und prägen das gesellschaftliche Leben des Burgenlands bis heute.

Ihre Präsenz ist das Ergebnis historischer Prozesse wie Grenzverschiebungen, Migration, Kriege und politischer Neuordnungen. Trotz Phasen der Assimilation und Diskriminierung haben alle Volksgruppen ihre Identität bewahren können und tragen nun aktiv zur Mehrsprachigkeit und kulturellen Vielfalt des Landes bei. Maßnahmen wie zweisprachige Schulen, Kulturförderungen, die Anerkennung der Volksgruppenrechte und Projekte wie das entstehende Haus der Volksgruppen in Oberwart (bis Mitte 2026) zeigen, wie zentral ihr Beitrag zur heutigen Landesidentität ist.

 

 

Historische Entwicklung (seit 1900)

In den letzten gut 120 Jahren hat sich die Zusammensetzung, Bedeutung und Sichtbarkeit der Volksgruppen im Burgenland tiefgreifend verändert:

  • Sprachliche Vielfalt 1910: Bei der Volkszählung 1910 machten Kroatischsprachige ca. 15 %, Ungarischsprachige ca. 9 % und Deutschsprachige etwa 74 % aus.
  • Burgenland kommt zu Österreich (1921): Mit dem Anschluss an Österreich änderten sich Verwaltungs-, Schul- und Sprachstrukturen, was langfristig stärkere Assimilation zur Folge hatte.
  • Assimilation 1920–1950: In dieser Phase passten sich viele Minderheiten kulturell und sprachlich an die deutschsprachige Mehrheit an; die Zahl der aktiven Sprecher der Minderheitensprachen sank deutlich.
  • Verfolgung in der NS-Zeit: Roma und Sinti waren massiver Verfolgung ausgesetzt, zahlreiche Siedlungen wurden zerstört und viele Menschen deportiert.
  • Nachkriegsjahre ohne starken Minderheitenschutz: Bis in die 1970er-Jahre gab es nur geringe staatliche Unterstützung für Minderheiten, was die sprachliche Erosion weiter verstärkte.
  • Volksgruppengesetz 1976: Dieses Gesetz brachte erstmals umfassenden rechtlichen Schutz für burgenländische Kroaten und Ungarn – in Bildung, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit. Es garantiert u. a.: zweisprachige Schulen, zweisprachige Ortsbezeichnungen, Förderung von Kultur, Sprache und Medien, Mitspracherechte durch Volksgruppenbeiräte
  • Anerkennung der Roma 1993: Roma und Sinti erhielten erst 1993 den offiziellen Status einer Volksgruppe; ein zentraler Schritt für ihre kulturelle und rechtliche Stärkung.
  • Stabilisierung nach 1990: Durch mehrsprachige Schulen, Kulturvereine und Förderprogramme hat sich der Rückgang der Sprecherzahlen deutlich verlangsamt.
  • Mehrsprachigkeit heute: Rund 15 % der Bevölkerung des Burgenlands verwenden regelmäßig mehr als eine Sprache – ein Zeichen für einen modernen kulturellen Aufschwung.
 

Gegenwärtige Bedeutung der Volksgruppen

Die Volksgruppen des Burgenlands sind heute offiziell anerkannt und gesetzlich geschützt. Sie sind ein integraler Bestandteil der kulturellen Identität des Landes:

  • Burgenländische Kroaten: ca. 35.000 Personen
  • Ungarische Volksgruppe: ca. 4.500 Personen
  • Roma / Sinti: ca. 3.000–3.500 Personen

Durch zweisprachige Bildungseinrichtungen, Kulturvereine, Medienangebote und Sprachförderungsprogramme wird die kulturelle Vielfalt aktiv unterstützt. Das geplante Haus der Volksgruppen setzt ein starkes Zeichen für Begegnung, Dialog und interkulturelle Zusammenarbeit.

Kulturelle Bedeutung

Die Volksgruppen tragen zur kulturellen Identität des Landes nachhaltig bei – z. B. in Musik, Tanz, Religion, Brauchtum, Gastronomie und Festkultur. Zweisprachige Gemeinden wie Stinatz, Großwarasdorf oder Oberpullendorf zeigen, wie tief die Minderheitensprachen im Alltag verankert sind.

Herausforderungen & Perspektiven

  • Spracherhalt: Die Weitergabe der Sprachen an junge Generationen bleibt die größte Herausforderung.
  • Demographische Entwicklungen: Einige Volksgruppen haben eine überalterte Sprecherstruktur.
  • Kulturelle Sichtbarkeit: Projekte wie das Volksgruppenhaus stärken die Wahrnehmung, müssen jedoch langfristig ergänzt werden.
  • Soziale Teilhabe: Besonders für die Roma sind Bildungschancen, Gleichberechtigung und Antidiskriminierungsarbeit zentrale Zukunftsthemen.
 

Aktuelle statistische Übersicht

Volksgruppe

Bevölkerungszahl (geschätzt)

Sprecher*innen der Sprache

Anerkennung

Besonderheiten

Burgenländische Kroaten

ca. 35.000

ca. 25.000 sprechen/beherrschen Kroatisch

Seit 1976

Größte Volksgruppe, starke Vereinsstruktur

Ungarische Volksgruppe

ca. 4.500

ca. 16.500 sprechen Ungarisch

Seit 1976

Schwerpunkt in Oberwart/Oberpullendorf

Roma / Sinti

3.000–3.500

ca. 4.000 sprechen Romanes

Seit 1993

Fokus auf Kulturförderung & Gedenkarbeit

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