Diogenes

Philosophie Okt. 09, 2020

Blogautor: Let's Catch Vuca Projektmanager - Christoph Schwarzl


Angeblich lebte er wie ein Penner. Pöbelte Athener Bürger an, bespuckte sie oder bewarf sie manchmal mit abgenagten Knochen. Kyon (gr. Hund) war sein Spitzname. Er war berüchtigt, aber beliebt, da er die Leute zum Lachen brachte. Auch sonst gilt Diogenes als außergewöhnlicher Philosoph. Er hielt weder Reden noch unterrichtete er Schüler. Geschrieben hat er wohl sein Leben lang nichts. Ein Philosoph ohne Werke. Was von ihm blieb, sind Anekdoten, Geschichten, die über ihn berichtet wurden. Am ausführlichsten dokumentiert von dem gleichnamigen Historiker Diogenes Laërtius im dritten Jahrhundert nach Christus.

Als Platon die Definition aufstellte, dass der Mensch ein federloses, zweifüßiges Lebewesen sei, rupfte Diogenes einem Hahn die Federn aus, brachte ihn in den Unterricht und sagte: „Das ist Platons Mensch“. Diogenes machte sich über den Philosophen König lustig. Auch das nur eine Anekdote. Wer nur an historischer Richtigkeit interessiert ist, kommt bei der Forschung über Diogenes nicht weit. Denn der historisch echte Diogenes, geboren irgendwann um 400 vor Christus in Sinope, am Schwarzen Meer, gestorben ca. um 320 vor Christus in Korinth, lässt sich nur schwerstens ausmachen. „Viele Diogenes Anekdoten sind schlichtweg erfunden worden, andere lassen einen historischen Kern erkennen, wieder andere wirken authentisch, obwohl sich das nicht beweisen lässt“, erzählt Kurt Steinmann, Übersetzer und Herausgeber der wichtigsten antiken Quelle. Trotzdem ist Diogenes einer der populärsten Gestalten der Antike. Er gilt als Hauptbegründer des Kynismus, eine Strömung der antiken griechischen Philosophie, dessen Hauptpunkte systematisches Hinterfragen und Bedürfnislosigkeit waren. Peter Sloterdijk, deutscher Professor der Philosophie, schreibt: „Da Diogenes zu den Lebensphilosophen gehörten, die das Leben wichtiger nahmen als das Schreiben, ist es verständlich, warum sich von ihm keine einzige authentische Zeile erhalten hat. Dafür lebt um ihn ein Kranz von Anekdoten, die von seiner Wirkung mehr sagen, als alle Schriften es könnten.“ Worauf es bei den Diogenes Anekdoten ankommt, ist der philosophische Gehalt und dieser ist nicht zu unterschätzen.

Was uns die Geschichte vom gerupften Hahn zeigt ist, dass es kaum einen größeren Unterschied gibt als den zwischen dem seriös denkenden, logisch rationalen Platon und dem Straßenphilosophen und Lehrmeister des Spottes, Diogenes. Indem er seinen Kontrahent mit einem gerupften Hahn widerlegt, demonstriert er seinen eigenen philosophischen Standpunkt. Platons Philosophie sei ihm zu abstrakt und theoretisch, zu lebensfern.

Einmal rief er laut: „Hey, ihr Menschen!“ und als die Leute zusammenliefen, verprügelte er sie mit seinem Stock und meinte: „Menschen habe ich gerufen, keinen Dreck!“ Eine Aktion die für Diogenes typisch ist. Aber auch diese Geschichte ist keine reine Albernheit. Seine meisten exzentrischen Auftritte haben einen ernsten moralischen Hintergrund. Hier versucht er seinen Mitgenossen klar zu machen, dass sie es nicht Wert sind „Mensch“ genannt zu werden, so falsch wie ihr Leben sei. Das ist der Hauptpunkt seiner Philosophie. Er zündete bei Tag eine Laterne an und sagte: „Ich suche einen Menschen“. Diese Szene wurde so berühmt, dass sogar Nietzsche sie später aufgegriffen hat. Durch seine „Albernheiten“ findet er mehr Publikum als durch ernste Mittel. Als er einmal einen ernsten Vortrag hielt, aber keiner ihm zuhörte, fing er an wie ein Vogel zu zwitschern. Als sich um ihn dann eine Menschenmenge bildete beschimpfte er sie, da sie an seinem Zirkus mehr Interesse zeigten als an seinen seriösen Wörtern.

Seine Idee von Menschheit sah er an seinen Mitbürgern kaum verwirklicht. Denn es herrscht Besitzgier, Herrschsucht, Neid und Heuchelei. Ebenso verwunderten ihn Philosophen, welche fleißig Gerechtigkeit predigen, diese aber nicht selbst ausführen. Aber wie sieht das richtige Leben aus? Die Antwort ist Autarkie, Selbstgenügsamkeit. Er nutzte seinen Mantel als Bett, besaß nur eine Ledertasche, in der er seine Nahrung aufbewahrte, einen Stock als Allzweckwerkzeug und einen Becher, welchen er aber wegwarf, als eines Tages ein Kind Diogenes in der Anspruchslosigkeit übertraf, indem es nur mit seinen bloßen Händen Wasser trank. Er lebte wie ein Bettler. Für ihn ist es göttlich nichts zu bedürfen. Laut ihm ist die Habsucht die Mutter allen Übels, daher führte er ein Leben äußerster Genügsamkeit. Besonders berühmt ist er für die Tonne, ein Vorratsbehälter, in der er öfters schlief.

Diogenes Laërtius, nicht zu verwechseln mit Diogenes, beschreibt eine Art Erleuchtung: „Als er eine Maus hin- und herlaufen sah, die weder ein Lager suchte, noch sich vor der Dunkelheit fürchtete, oder auf irgendwelche Gaumenfreuden geierte, ließ ihn dies einen Ausweg aus seiner misslichen Lage entdecken“, denn angeblich hat sein Vater, oder Diogenes selbst (die Quellen sind sich uneinig), Falschmünzerei betrieben. Wer sich klein wie eine Maus macht, kann jeglichem Schicksal trotzen und sich zurückziehen aus allem, was das bürgerliche Leben ausmacht.

Heinrich Niehues-Pröbsting schreibt in dem Buch „Der Kynismus des Diogenes und der Begriff der Zynismus“ folgendes: „In seinem irdischen Dasein kann und darf der Mensch, nach der Überzeugung Platons, nicht ohne der politischen Gemeinschaft leben, zu deren Wohl er gerecht handeln muss.“ Das Konzept, dass dem Staat der Vorrang vor dem Individuum gebührt, lehnte Diogenes strikt ab.

Dass die Leute ihn als Hund beleidigen, macht ihm nichts aus, ganz im Gegenteil, er sieht es als Ehrentitel. Eine Anekdote besagt, „Als Alexander der Große vor Diogenes trat und erklärte, dass er Alexander der große König sei, kommentierte er, dass er Diogenes der Hund sei“. Der kynische Straßenphilosoph, welcher weder Macht noch Reichtum hatte, begegnet dem damals mächtigsten Mann der Welt voller Stolz auf Augenhöhe. Er lässt sich von niemanden was sagen, was man auch an seiner berühmtesten Geschichte leicht erkennen kann. Diese lautet wie folgt: Als Diogenes ein Sonnenbad nahm, trat Alexander an ihn heran und sagte: „Erbitte von mir alles, was du willst“, worauf er antwortete: „Geh mir aus der Sonne!“ Jedoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass dieses Treffen je stattgefunden hat. Es geht auch hier nicht um historische Korrektheit.

Diogenes bittet Alexander den Großen aus dem Sonnenlicht zu gehen. (Quelle: http://2.bp.blogspot.com/-HFSYdEYs4NE/VQhlG_txFjI/AAAAAAAAAsc/ENI3xzwV_-I/s1600/diogenes-and-alexander.jpg)

Als Diogenes gestorben ist sollen ihm seine Anhänger ein Grabmal in der Form eines Hundes errichtet haben. Über seine Todesursache gibt es viele Geschichten, die glaubwürdigste davon ist, dass er an Cholera gestorben ist, nachdem er ungekochten Tintenfisch gegessen hat. Eine witzigere Todesversion erzählt davon, dass er seinen Atem angehalten hat, noch bevor er erkrankte, um bis auf die letzte Sekunde Herr seines Körpers zu sein.

Meiner Meinung nach wäre es nicht schlecht, wenn sich die heutige Konsumgesellschaft eine Scheibe von Diogenes und vor allem seinen Lehren, abschneiden würde.


Quellen:

https://www.youtube.com/watch?v=nDQ_L0RmYaw

https://de.wikipedia.org/wiki/Kynismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Skeptizismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

Bilder:

https://miro.medium.com/max/700/1*kwFaBMTFyPgemGsbUjQzSA.jpeg

http://2.bp.blogspot.com/-HFSYdEYs4NE/VQhlG_txFjI/AAAAAAAAAsc/ENI3xzwV_-I/s1600/diogenes-and-alexander.jpg

Tags